Germania-Statue

Germania

Ein Artikel von Andreas Körner.

Germania, die -, Personifikation Germaniens beziehungsweise Deutschlands, in der römischen Antike dargestellt als trauernde Gefangene, im Hochmittelalter als gekrönte Frau, im 19. Jahrhundert als jungfräuliche oder mütterliche Walküre. Seit etwa 1840 ist sie volkstümliche Symbolfigur mit der größten Verbreitung nach der Reichsgründung 1871. Von 1900 bis 1919 war sie auf Postwertzeichen des Deutschen Reiches abgebildet.

Bekanntestes Germaniadenkmal ist das Niederwalddenkmal. Das von Johannes Schilling und Karl Weißbach 1871 – 83 geschaffene Nationaldenkmal oberhalb von Rüdesheim am Rhein ist aus Bronze, 10,5 m hoch und steht auf einem 25 m hohem Sockel mit Reliefs zu Themen des Krieges 1870/71. (frei nach: Brockhaus Enzyklopädie)

Am 30. September 1876 versammelten sich siebzehn Herren im „Locale der Witwe Dr. Werther“. Eingeladen hatte der Direktor der Eisenhütte Phönix Friedrich Lange, der gleichzeitig ehrenamtlicher Beigeordneter der Gemeinde Borbeck war. Anlass der Versammlung: „die Errichtung eines Kriegerdenkmals für die in den Jahren 1864, 66 und 70 gefallenen Krieger“. Friedrich Lange legte dies den Anwesenden „als eine Pflicht der Dankbarkeit ans Herz“. Das und viel mehr erfährt man aus der Akte der Bürgermeisterei Borbeck, die im Stadtarchiv aufbewahrt wird. Es wurden auch die Namen der versammelten Herren aufgeführt. Als erster ist zu nennen der damalige Bürgermeister Carl Kruft, dann Wilhelm Leimgardt, Ziegeleibesitzer und gleichzeitig ehrenamtlicher Beigeordneter, der Arzt Dr. Herbrüggen, der Apotheker Rudolf Baum, der jüdische Kaufmann Gustav Ruben. Genannt wurde auch der Obersteiger Carl Vögler von der Zeche Levin in Dellwig, dessen Söhne später große Wirtschaftsführer wurden.

Es wurde eine Reihe von Ideen aufgezählt, wie man an das Geld für das Kriegerdenkmal zu kommen hoffte:

  • Sammlung von freiwilligen Beiträgen
  • Durch Veranstaltung einer Lotterie
  • Durch Aufstellen von Büchsen in Wirtschafts-Localen
  • Durch Veranstalten von Concerten und Bällen, deren Einnahmen dem Denkmal zugewendet werden sollen
  • Wurde ein Theil der für die Sedansfeier gesammelten Gelder in Aussicht gestellt
  • Desgleichen ein Beitrag von den Schul-Vorständen
  • In allen Versammlungen der Krieger-Vereine, des deutschen Vereins, des Gewerbe-Vereins u. sonstigen Vereinen wie auch bei sonstigen festlichen Gelegenheiten sollen Sammlungen zu dem Zwecke veranstaltet werden
  • Soll der Antrag an den Gemeinderath gestellt werden, einen Beitrag aus der Gemeinde-Kasse für die Errichtung des Krieger-Denkmals zu bewilligen.

Auf der gleichen Versammlung wurde das Gebiet der Bürgermeisterei Borbeck aufgeteilt und Sammler genannt, die für die Errichtung des Denkmals sammeln sollten. „Herr Bürgermeister Kruft versprach für die Sammler kleine Bücher anfertigen zu lassen und diesen ein Schreiben mit Amtssiegel beizulegen, worin der Zweck der Sammlungen auseinandergesetzt und in recht patriotischer Weise dazu aufgefordert werden soll.“

Es wurden auch schon Gewinne für die Lotterie angemeldet:

  • Ständer mit Fruchtwasser von Herrn Dr. Herbrüggen
  • Ein Sopha und Kissen von Herrn Direktor Barthe
  • Ein Reiselackenhalter von Herrn W. Leimgardt
  • Bierseidel von Apotheker Baum
  • Eine Sammlung unter den Anwesenden ergab 160 Mark

Der Bürgermeister Kruft stellte im Auftrag des Komitees zur Errichtung eines Kriegerdenkmals beim Landratsamt Essen einen Antrag auf  „höhere Genehmigung“. Dem Antrag wurde stattgegeben. Anträge bei dem Gemeinderat und dem Kreis Essen auf  Unterstützung wurden wegen der schwierigen Wirtschaftslage abgelehnt. Man musste sich also auf  die eigenen Kräfte verlassen. Die Liste der zur Verlosung zur Verfügung gestellten Gegenstände wurde noch sehr lang. Insgesamt 251 Eintragungen enthält die Liste. Die Initiative, dafür zu spenden, ging fast vollständig in die Hände der Frauen über. Es tauchen dort u. a. auch weitere Namen jüdischer Mitbürger auf: Gastwirt Albert Seelmann, Kaufmann Heimann Daniel (Heimann ist ein jüdischer Vorname.)

Im November 1877 wurde Kontakt mit dem Düsseldorfer Bildhauer Leo Müsch (1846 – 1911) aufgenommen. Später organisierte das Komitee auch eine Reise zum Bildhauer, um sich das entstehende Werk schon einmal anzuschauen. Es wurde eine Liste der „gefallenen Krieger“ angefertigt, aus der auch hervorgeht, wann und wo sie gefallen sind, bei welchem Regiment sie gedient haben und aus welchem Ortsteil sie stammen. Der gefallene Krieger Heinrich Körntchen wurde gestrichen, weil er zu dem inzwischen ausgemeindeten Altendorf gehörte.

Am 11. Oktober 1880 war die feierliche Enthüllung des Kriegerdenkmals. Es gab ein reichhaltiges Festprogramm. Der Vorsitzende des Komitees Friedrich Lange übergab das Denkmal dem Bürgermeister Kruft als Vertreter der Gemeinde. Im gedruckten Festprogramm sind drei Strophen des Liedes „Heil dir im Siegerkranz“, der Hymne des Deutschen Reiches, wiedergegeben, die aus diesem Anlass gesungen wurden:

1. Heil dir im Siegerkranz,
Herrscher des Vaterlands!
Heil, Kaiser, dir!
Fühl in des Thrones Glanz
Die hohe Wonne ganz,
Liebling des Volks zu sein!
Heil Kaiser, dir!

3. Heilige Flamme, glüh',
Glüh' und erlösche nie
Fürs Vaterland!
Wir alle stehen dann
Mutig für einen Mann,
Kämpfen und bluten gern
Für Thron und Reich!         

6. Sei, Kaiser Wilhelm, hier
Lang' deines Volkes Zier,
Der Menschheit Stolz!
Fühl' in des Thrones Glanz,
Die hohe Wonne ganz,
Liebling des Volkes zu sein!
Heil, Kaiser, dir!
 
Später wurde um das Kriegerdenkmal noch eine schmiedeeiserne "Einfriedigung“ errichtet, ebenfalls von dem Komitee finanziert.

Der Zahn der Zeit verschont auch Denkmäler nicht. So berichtete die Essener Volkszeitung vom 31. Oktober 1910: „Das hiesige Kriegerdenkmal befindet sich gegenwärtig in einem so schlechten Zustande, dass unbedingt eine Aufbesserung vorgenommen werden muss. Die eingravierten Namen der fürs Vaterland gefallenen Helden von 1864, 1866 und 1870/71 kann man fast gar nicht mehr lesen.“ Der Bürgermeister Baasel ordnete sofort an: „Die Inschriften sind zu erneuern. Die Arbeiten können durch die Gemeindehandwerker ausgeführt werden.“ Das ist innerhalb eines Monats geschehen. Es sind auch Beschädigungen am Kriegerdenkmal aktenkundig geworden, beispielsweise in der Nacht vom 14. zum  15. Januar 1928. Den Zweiten Weltkrieg hatte die Germania merkwürdigerweise überlebt. In den relativ friedlichen Jahren danach drohte ihr jedoch  die Gefahr, überrollt zu werden. Nach den Plänen der Sanierung von Borbeck-Mitte sollte eine breite Autostraße über den Germaniaplatz führen und weiter unten an der Hülsmannstraße enden.

Im Dezember 1964 nahm ein Ehremal-Ausschuss die Arbeit auf, der sich um einen Ersatz kümmern wollte. Dieser fand sowieso etwas an der Germania auszusetzen. Sie entsprach nicht den Vorstellungen von einem würdigen Erinnerungs- und Mahnzeichen für die Toten der letzten Kriege und die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Man wünschte sich ein modernes Ehrenmal, das dem Geist unserer Zeit entspricht. Man konnte sich vorstellen, die Germania irgendwo im Schlosspark abzustellen, während das neue Mahnmal mitten in Borbeck seinen Platz bekommen sollte. Der erste Vorsitzende Josef Blankensee war Vertreter des Reichsbundes der Kriegsteilnehmer und Kriegsbeschädigten (seit 1999: Sozialverband Deutschland) in Borbeck. Der zweite Vorsitzende Helmut Kowald war Vertreter des Verbands der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner (VdK, seit 1994: Sozialverband). Die Tätigkeit des Ehrenmal-Ausschusses wurde außerdem getragen von den Männerbereitschaften des Deutschen Roten Kreuzes, einem Borbecker Gartenbauverein und dem Borbecker Bürger- und Verkehrsverein.

Im März 1968 feierten die Gäste der Gastwirtschaft „Germania“ unter dem Denkmal Abschied. Die Gastwirtschaft verschwand wie auch das Exerzitienhaus. Die Germania blieb stehen, denn die Planung der Sanierung von Borbeck Mitte wurde geändert. Die breite Autostraße wurde nach Osten „verschwenkt“. Es handelt sich um die jetzige Otto-Brenner-Straße. Im Anschluss an die Änderung des Sanierungsplans wurde die gesamte Fläche der früheren Autotrasse neu überplant. Neu entstand die Rudolf-Heinrich-Straße als Ladenstraße. Der Germaniaplatz erhielt vom Gelände des verdrängten katholischen Kindergartens die dicken Kastanienbäume, ein erfreulicher Zuwachs. Die Germania blieb zwar erhalten, aber ramponiert sah sie aus. Der Palmwedel, den sie zum Zeichen des Friedens hoch hielt, war ihr abhanden gekommen. Die linke Hand, mit dem sie das Schwert hielt, war samt Schwert verschwunden. Der deutsche Adler zu ihren Füßen sah nicht mehr nach einem Adler aus.

Erst im Oktober 1981, 101 Jahre nach der Einweihung, renovierte der Bildhauer Erwin Schaab im Auftrag der Stadt Essen das Denkmal. Die Germania war erstmals nach langer Zeit wieder vollständig. Im folgenden Jahr wurde die Umgebung neu gestaltet. An einer Ecke wurden die Steinblöcke des Künstlers Rolf Jörres (geboren 1933 in Essen) errichtet, die von Wasser umspült werden.

Als Abschluss ihres Studiums der Landespflege an der GH-Universität Essen verfasste die 1967 geborene Christine Langbehn 1995 eine Diplomarbeit. Ihr Thema war das „Platzgefüge von Essen-Borbeck“. Es handelte sich um die Plätze Germaniaplatz, Dionysiuskirchplatz, Borbecker Platz, Neuer Marktplatz, Höltingplatz (der Platz vor Karstadt) und der Platz mit dem Busbahnhof. In ihrer Arbeit machte sie den Vorschlag, der alten Germania gegenüber eine neue von 1995 aufzustellen: eine junge lockige Frau im Tanzschritt mit einer Friedenstaube auf der Schulter. Man sieht: Auch der jungen Landespflegerin machte die alte harmlose Germania zu schaffen.

Im Dezember 1996 erreichte den Kultur-Historischen Verein Borbeck eine Anfrage von Dr. Enno Neumann vom Stadtarchiv Bochum. Herr Neumann wollte Informationen über den Germaniaplatz haben. Er schrieb: „Wir hatten neulich Gelegenheit, Ihr Germania-Denkmal zu bewundern und die gelungene Integration in die neue Platzgestaltung." Tatsächlich kommt unsere Germania gut zur Geltung. Sie ist ein Zeugnis Borbecker Geschichte und einer Bürgerinitiative aus der Kaiserzeit.  

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